Behinderung? – Kein Grund für Berührungsängste!


Ein Besuch der Offenen Behindertenarbeit Oberfranken am FWG


Am 9. November 2018 bot sich am FWG frühmorgens ein ungewohntes Bild: eine kleine Gruppe mit 3 Rollstühlen war in der Pausenhalle und in den Fluren unterwegs. Vier Gäste von der OBO (Offene Behindertenarbeit Oberfranken) aus Coburg statteten dem Gymnasium einen Besuch ab. Grund dafür war das Thema „Sich für Behinderte engagieren“ im Rahmen des katholischen Religionsunterrichts in der 7. Klasse.


Tizian Späth, Leiter der Besuchergruppe, informierte die Schülerinnen und Schüler der 7bc zunächst über Aufgabenbereiche der OBO: Ermöglicht werden hier Freizeitangebote für Menschen mit und ohne Behinderungen. So werden 8x im Jahr Urlaubsfahrten abgehalten, 2x pro Woche gibt es offene Treffen, darüber hinaus existiert eine Band, eine Fußballmannschaft und eine Fernsehgruppe, wo behinderte und nichtbehinderte Menschen zusammengeführt werden.
Bei dem Besuch am FWG erhielten unsere Schülerinnen und Schülern dann zunächst die Möglichkeit anhand von verschiedenen Stationen selbst herauszufinden, vor welche Herausforderungen sich Menschen mit bestimmten Behinderungen gestellt sehen. Das Lesen von Blindenschrift auf Medikamentenpackungen, Gebärdensprache, der Versuch zu schreiben wie Menschen, die ihre Hände nicht gebrauchen können oder mit speziell präparierten Brillen Sehbehinderungen nachzustellen, gehörte ebenso zum Angebot wie einmal auszuprobieren, wie sich ein Rollstuhl fahren lässt. Im anschließenden Austauschgespräch wurde schnell klar, dass die Schüler sich deutlich bewusst geworden sind, welche Problemstellungen sich durch eine Behinderung konkret im Alltag ergeben: „Mit dem Rollstuhl zu fahren ist ja gar nicht so einfach. Schon allein hier oben in die Toilette zu kommen, ist ganz schön schwer“, - war nur einer der Erfahrungsberichte.
Im zweiten Teil des Projekts durften die Schüler den Gästen nun konkrete Fragen stellen, was sie schon immer von Menschen mit Behinderungen wissen wollten. Eine bunte Mischung von Fragen über Freizeit, Wohnen, Arbeiten und Schule ergab sich, und auch vor privateren Fragen bzgl. Hygiene schreckten die Jugendlichen nicht zurück. Das Interesse war augenscheinlich groß und geduldig antworteten die Besucher aus Coburg auf alles, was die Siebtklässler wissen wollten.
Die 33jährige Eva sitzt im Rollstuhl, weil es ihr schwerfällt, Arme und Beine zu bewegen. Ihre ersten Schuljahre hat sie an der Pestalozzi-Schule in Kronach verbracht, danach weitere Schulen speziell für Behinderte besucht. Die 40jährige Marion hat hingegen Lernprobleme, war auf einer regulären Hauptschule und geht jetzt auf ihrer Arbeit vor allem Tätigkeiten im Bereich des Gärtnerns nach. Beide haben ihre Behinderung in ihren Alltag integriert. Unangemessene Reaktionen von Mitmenschen haben sie kaum erfahren, sie haben gut Freunde, fühlen sich auf ihrer Arbeitsstelle wohl und kommen auch räumlich in ihren Wohnungen zurecht. Einkaufen funktioniert sogar im Rollstuhl, als Unterstützung nimmt die 33-Jährige allerdings häufig einen Assistenten mit, der ihr hilft, auch an Lebensmitteln aus höher gelegenen Regalen zu kommen.
Die Rollstuhlfahrerin ärgert sich nur über das manchmal rücksichtslose Verhalten von Mitmenschen, die sich zu wenig nach ihr umsehen würden: „Die knallen einem in Geschäften manchmal direkt die Tür vor der Nase zu. Da muss man aufpassen, dass man sich nicht verletzt.“ Die Rollstuhlfahrerin würde sich wünschen, dass Gesprächspartner ihr öfter auf Augenhöhe entgegenkämen.
Auf die Frage, ob sie es als Behinderte besser fänden, von ihren Mitmenschen angestarrt oder lieber absichtlich nicht beachtet zu werden, haben Eva und Marion eine klare Botschaft: „Schaut uns ganz direkt an, wie jeden anderen auch, wir sind schließlich ganz normal, schließt uns nicht aus.“
Nach den zwei Unterrichtsstunden bleibt als Eindruck: Behinderungen sind kein Grund, Berührungsängste haben zu müssen. Unsere Schülerinnen und Schüler begegneten den Gästen von Anfang an mit Interesse und ohne Hemmungen. Gelernt wurde aber auch, dass das Leben mit einer Behinderung, ob körperlicher oder geistiger Art, die Menschen vor ganz andere Herausforderungen stellt und dass statt Wegschauen oder gar Mitleid für ein gutes Miteinander schlichtweg Akzeptanz und Offenheit für das Anderssein gebraucht wird.
StRin Birgit Göckel