Lyrik hautnah

 

Mit Nora Gomringer gastiert eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Deutschlands am Frankenwald-Gymnasium. Innerhalb einer Stunde schafft die 36-Jährige das, wofür Deutschlehrer mitunter Jahre brauchen: Sie weckt das Interesse der jungen Menschen für scheinbar schwer zugängliche Lyrik und begeistert auch dank ihrer Authentizität.

 

,,Ich schreibe über einfache Dinge in nicht immer einfacher Sprache.'' So umschreibt Nora Gomringer ihre eigene Lyrik. Ein echter Glücksfall war es demnach, dass die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin ihre Lyrik den Q11-Schülern des Frankenwald-Gymnasiums vor kurzem im Rahmen einer Lesung am Schulzentrum hautnah näherbringen konnte. Und Gomringers Mission glückte: Von der Lesung wurden selbst vermeintliche Literaturbanausen in den Bann gezogen.

Zu Beginn der Lesung ist alles still. Schüler beäugen skeptisch eine junge Frau mit lockigem, dunklem Haar und einem T-Shirt mit Marienstatue darauf - Nora Gomringer.

Erst als sie zu sprechen beginnt, scheinen sich die Gesichtsausdrücke einiger Schüler zu entspannen. ,,Ich schreibe nun seit 16 Jahren und veröffentliche alle zwei Jahre ein Buch mit circa 80 Texten“, erzählt Gomringer. Sie lacht viel und kombiniert den Ausdruck der Entschlossenheit in ihren Augen mit lockerem, teilweise auch selbstkritischem Humor. Die Lesung am FWG hatten die beiden Deutschlehrkräfte, Carolin Hofmann und Eva Fugmann, ermöglicht.

Gomringers erstes vorgetragene Werk gleicht einer Vorstellung ihrer selbst und hilft den jungen Zuhörern beim Kennenlernen. Wer bis jetzt dachte, Gedichte seien langweilig und monoton, wird urplötzlich aus seiner Scheinwelt gerissen. Die Lyrikerin spricht erst laut, dann leise, wechselt zwischen verschiedenen Stimmfarben und Tonarten, singt sogar einige Verse ihrer Werke. Einige Schüler schmunzeln beim Hören dieser für sie neuartigen Vortragsweise. Immerhin kennen sie Gedichte bisher vor allem vom Auswendiglernen, Interpretieren und Analysieren. Doch Nora Gomringer hat einen weiteren großen Vorteil: Sie weiß über die Entstehung ihrer Werke zu erzählen und somit von sich selbst. Lyrik wird für die Anwesenden greif- und erfahrbar. Gomringer berichtet beispielsweise von ihrer ausführlichen Auseinandersetzung mit dem Holocaust und trägt hierzu ihr Holocaust-Triptychon „Es war ein Tag“ vor. Im Raum wird es still.

Nicht nur ihre greifbare Leidenschaft für die Poesie, sondern auch die Fakten zeigen die große Bedeutung Gomringers in der zeitgenössischen deutschen Literatur. Neben zahlreichen renommierten Preisen hat sie ihre eigene Fernsehsendung bei ZDF neo, rief einst den Poetry Slam in Bamberg ins Leben und schreibt heute auch Texte für Udo Lindenberg und Xavier Naidoo. Seit 2010 leitet sie das internationale Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg. Spuren hinterlässt Nora Gomringer am FWG aber vor allem mit ihrer Unbeschwertheit und Offenheit. So mögen es die jungen Zuhörer kaum glauben, als sie berichtet, wie sehr sie zu Schulzeiten das Vorlesen gehasst hatte. Die Lyrikerin verrät auch, dass die Bibel in dieser Zeit das einzige Buch war, welches sie las.

Auch über Schule und das Abitur wird gesprochen. Nora Gomringer erzählt, dass eines ihrer Gedichte in einem Hamburger Abitur zur Auswahl für die Abiturienten stand. „Bei der Wahl zwischen Goethe und Gomringer hatte sich eine Abiturientin doch tatsächlich für meinen Text entschieden“, berichtet die Autorin. Als die Schülerin dann bei ihr anrief, um sich zu vergewissern, dass sie das Gedicht richtig interpretiert hatte, war das auch für Nora Gomringer ein besonderes Erlebnis. „Die Schülerin hatte in der Tat das im Gedicht gefunden, was ich dort ausdrücken wollte!“ Um sicher zu gehen, dass die Hamburger Prüfungskommission das genau so sieht, verfasst Gomringer einen Erwartungshorizont zu ihrem eigenen Gedicht und schickt diesen nach Hamburg. Die junge Hamburgerin besteht ihr Abitur und Gomringer freut sich noch heute: „Bei Goethe hätte keiner abgehoben!“ Das kommt bei den jungen Zuhörern an. Gerne hätten auch sie diese Art von Telefonjoker in ihrem Abitur. Nora Gomringer stellt aber klar: „Man kann meinen Gedichten auf die Spur kommen!“ Jedoch seien das Weiterentwickeln und die Interpretation des Geschriebenen durch den Leser ein wichtiger Teil des Lebens eines Gedichtes. Dass ihre Gedichte dieses Leben führen dürfen, hat Nora Gomringer ihrer Zeit in den USA zu verdanken, in der sie sehr viel las. ,,Ich hatte viele Fürsprecher, die mochten, was ich schrieb, und natürlich auch das Glück, bereits mit zwanzig Jahren einen Verlag zu finden, der meine Dichtungen veröffentlichen wollte.'“ Dabei kommen meist Bände mit einem Schwerpunktthema heraus, wie beispielsweise ,,Monster Poems“ oder ,,Morbus“.  Letztgenanntes schockt die Q11-Schüler mit ehrlichen Worten und begeistert zeitgleich in einigen Passagen mit mitreißendem Humor. Die „Morbus“-Gedichte tragen jeweils den Namen einer speziellen Krankheit. ,,Welche Krankheit würdet ihr denn gerne hören? Ich hätte hier Alzheimer. Oder Schizophrenie?“ Nora Gomringer fragt ihre Zuhörer mit fast bedenklicher Leichtigkeit. Doch dann beginnt sie das Vorlesen und sofort schleichen sich der Ernst und die Grausamkeit der beschriebenen Krankheiten ein. Mit ihrer Poesie, die sowohl Herz als auch Verstand berührt, verwandelt Gomringer eigene und scheinbar fremde Gefühle in Dichtung. Anfangs skeptische Schüler werden somit zu nachdenklichen und zugleich lauthals mitlachenden Zuhörern. Nora Gomringer hat begeistert. Nora Gomringer hat unterhalten. Vor allem jedoch hat Nora Gomringer bewegt. Ein ,,Guter Rat'' aus der Feder von Heinrich Heine ist das letzte, was sie den Schülern mit auf den weiteren Lebensweg gibt.

Carolin K.