Eindrücke, neue Erkenntnisse und Nachdenklichkeit

Fahrt der 9. Jahrgangsstufe nach Buchenwald

Im Rahmen des Geschichtsunterrichts besichtigten die vier neunten Klassen am 4. Juli 2014 das ehemalige Konzentrationslager (KZ) Buchenwald bei Weimar (Thüringen). Oberstudienrat Heiko Gernlein hatte diese Fahrt organisatorisch vorbereitet und war auch für deren Durchführung verantwortlich.

Nach einer ca. zweistündigen Busfahrt kamen wir in der Gedenkstätte auf dem Ettersberg an. Nun  hatten wir zunächst knappe drei Stunden Zeit, uns selbstständig auf dem weitläufigen Gelände umzusehen und uns intensiv mit der dortigen Dauerausstellung zur Geschichte des KZ Buchenwald zu befassen. Diese ist im Gebäude der ehemaligen Häftlingseffektenkammer untergebracht. 

Die spärliche, in grau gehaltene Einrichtung des Museums sowie die Tatsache, dass man sich in einem Originalgebäude des KZ aufhält, sorgen dort für eine beklemmend-belastende Atmosphäre, die einem das Gefühl gibt, weniger Luft zu bekommen und gleichzeitig unendlich viel Platz lässt für eigene Empfindungen. Man läuft schweigend durch die Ausstellung, liest, sieht vieles wie beispielsweise Lagerkleidung oder verzinkte Leichentransportwagen, immer umgeben von einem persönlichen Schutzwall aus Unnahbarkeit, durchbrochen von Übelkeit hervorrufenden Zitaten einflussreicher Lageraufseher, aber vor allem einigen Erfahrungsberichten und Aussagen über die für uns unmöglich nachvollziehbaren Umstände.

 Aussage im Buchenwaldprozess: „Die Todeszahlen im KZ Buchenwald waren nicht übermäßig hoch. Meiner Schätzung nach sind 600-800 Häftlinge jeden Monat gestorben.“ Wer stirbt heutzutage in Deutschland noch an Arbeit?

„Ein Leben ohne Sonnenlicht, ohne Luft und ohne Vögel“ (Häftling im Stollen, der den gefährlichsten Arbeitssektor darstellte).

Kommandanturbefehl Nr.124: „Auch die Krüppel und Blöden sollen, wenn schon wenig, so doch rentable Arbeit leisten.“ Woher kommt das Recht, über Menschen frei zu verfügen?

„Ab sofort waren wir nur noch Nummern und Namenlose“, schrieb einer der Häftlinge.

Es begegnen einem sehr viele Zahlen und Auflistungen zu den Schicksalen der Insassen, aber letztendlich sind es Momentaufnahmen, zu denen man entfernt einen Bezug aufbauen kann – hoffnungsvollere, menschliche – die durch ihren Kontrast zu dem nahezu alles beherrschenden Leid Letzteres greifbarer und realer machen. Und schließlich, im letzten Raum, unzählige Fotos, die zeigen, was ein US-Sergeant, der zu den Befreiern des KZ im April 1945 gehört hatte, in Worte fasste: “I called them the walking death, because I felt, they had reached the point of no return“.

Erschlagen, wie wir bereits aus dem Museum kamen, erwartete uns nach einem provisorischen Mittagessen bereits ein 30-minütiger Film, in dem Zeitzeugen prägende Eindrücke schilderten, wobei uns im Wesentlichen deren Persönlichkeit berührte.

Die anschließenden Führungen durch das Lager erfolgten nach Klassen getrennt.

„In meinem Lager gibt es keine kranken Menschen. Es gibt nur gesunde und tote Menschen“(Lagerkommandant). Überall begegnen einem auf Tausender gerundete Zahlen. Zahlen, die unser Vorstellungsvermögen bei Weitem übersteigen. Es ist schwer, nicht aus den Augen zu verlieren, wie viel schon ein einzelnes Menschenleben wert ist. Bis zur Führung hatte ich unbewusst die naive Hoffnung, die Peiniger hätten damals wenigstens irgendein, wenn auch noch so absurdes, Motiv gehabt, um ihre Taten vor sich selbst zu entschuldigen. Unser Gruppenführer machte jedoch die Selbstsicherheit deutlich, mit der durch beinahe jede Handlung schamlos Menschenwürde zerstört wurde.

Wir wurden durch die Pathologie geführt, das Krematorium, sahen im Keller die Haken an den Wänden, so dicht beieinander, dass sich die Sterbenden berührt haben müssen, trotz ihrer abgemagerten Körper. Wir sahen die rekonstruierte Genickschussanlage, mit der fast 8.000 sowjetische Kriegsgefangene systematisch hingerichtet wurden, und den Ort, wo man die Leichen lagerte, hörten von verschiedensten Verbrechen, die in Buchenwald begangen wurden und liefen ein letztes Mal in der drückenden Hitze über das geschotterte, mit Stacheldraht eingezäunte Gelände in Richtung Torgebäude. An der Inschrift vorbei. „Jedem das Seine.“

Spätestens jetzt glaube ich zu wissen, wie es ist, wenn es einem „die Kehle zuschnürt“.

Und dann stiegen wir wieder in die Busse und ließen den Ort hinter uns, dem es so an Menschlichkeit fehlte, an dem widerlicher Zynismus herrschte. Eindrücke, neue Erkenntnisse und Nachdenklichkeit nehmen wir mit.

Viele Dinge im Leben, die man nicht ändern kann, werden einfach hingenommen. Obwohl niemand ungeschehen machen kann, was passiert ist, dürfen meiner Meinung nach das unwürdige Leben der 250.000 Buchenwald-Inhaftierten und der Tod von rund 56.000 Menschen nie akzeptiert werden.

Text:    Juliane Graf, 9a (im SJ 2013/14)

Fotos:  Sara Buckreus, 9b (im SJ 2013/14)