Medienerziehung von Schülern durch Schüler

Das Projekt „Medienscouts“ des WEISSEN RINGS ist auf den Weg gebracht / Ausbildung  auch für acht „FWGler“ im Rahmen eines zweitägigen Workshops / Einmalig in Bayern

 

„Euer Einsatz ist mit Geld überhaupt nicht zu bezahlen!“ Als Alfons Hrubesch, Leiter der Außenstelle Kronach/Lichtenfels/Kulmbach des WEISSEN RING, diese Worte im Rahmen einer Pressekonferenz äußert, richtet er sich dabei an über 70 Schülerinnen und Schüler aus 15 unterschiedlichen Schulen der drei Landkreise, die sich ein ganzes Wochenende lang zu „Medienscouts“ ausbilden ließen. Sie werden damit zukünftig die verantwortungsvolle Rolle übernehmen, an ihrer Schule im Bereich der Medienerziehung eine tragende Säule in der Präventionsarbeit und zugleich kompetente Ansprechpartner für ihre Mitschüler zu sein.

Unter dieser stattlichen Anzahl befanden sich auch über 30 Schülerinnen und Schüler aus dem Landkreis Kronach. Sie stellen somit den größten Teil, die in der Franken-Akademie im Schloss Schney zwei Tage lang aus kompetenter Hand reichlich Informationen rund um das Thema „Neue Medien“ erhielten und sich zugleich Gedanken darüber machten, wie sie diese Inhalte konkret an ihrer Schule umsetzen können. Das FWG war mit vier Schülerinnen und vier Schülern vertreten. „Wir haben in den vergangenen Tagen unglaublich viel Nützliches erfahren und wurden zugleich gut auf unsere neue Rolle vorbereitet“, erklärte beispielsweise Felix Beierwaltes. Der Schüler besucht die 10. Klasse des FWGs. Im Vorfeld wurde er von seinen Lehrern auf die Ausbildung zum „Medienscout“ hin angesprochen. Felix musste dabei nicht lange überlegen und war gerne bereit, seine freie Zeit für diesen wertvollen Dienst zu opfern.

 

Ins Rollen gebracht hatte diese Idee der WEISSE RING. Bereits im vergangenen Jahr hatte  sich die Außenstelle unter der Leitung von Alfons Hrubesch auf die Unterstützung und die Zusammenarbeit mit den Schülerinnen und Schülern der drei Landkreise eingelassen, indem man mit Hilfe der Schülerinnen und Schüler das Drehbuch zum Film „Escape the Fate“ anfertigte. „Wenn man etwas für Kinder und Jugendliche auf die Beine stellen möchte, dann ist es unabdingbar, mit ihnen zusammenzuarbeiten und auf ihre Stimme zu hören. Diese wertvolle Erfahrung haben wir bei der Produktion des Präventionsfilms gemacht“, so Alfons Hrubesch. Immerhin behandelt der Film das sich immer weiter ausbreitende Problem des Cyber-Mobbings, von dem vor allem Kinder und Jugendliche betroffen sind. Demnach sind sie nicht nur potentielle Opfer dieser neuesten Entwicklung, sondern eben auch Experten, da sie diesem Problem fast täglich begegnen können. „Für uns war klar: Ohne die erneute Hilfe der Schüler macht auch der nächste Schritt keinen Sinn!“, so Peter Bürgin, stellvertretender Außenstellenleiter des WEISSEN RING. Damit stellt die Initiative der Organisation zum Opferschutz gleichsam ein Modelprojekt für Bayern dar, da diese flächendeckende Ausbildung von „Medienscouts“ im Freistaat bisher einmalig ist.

Im Februar 2014 hatten Schule, Politik und Justiz dem WEISSEN RING grünes Licht für die Ausbildung der Medienscouts gegeben. Damals traf man sich im Landratsamt Lichtenfels und signalisierte dem Projekt volle Unterstützung. Vor allem die anwesenden Schulleiter unterstrichen die Notwendigkeit der „Medienscouts“ in dem Bereich der immer weiter greifenden Medienerziehung. „Wenn Schüler ihren Mitschülern einen verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Medien vermitteln können, dann greift dies sehr viel tiefer als wenn dies durch die Lehrer geschieht“, lautete damals die einhellige Meinung.

Und genau diese Einschätzung bestätigte sich beim „Workshop-Wochenende“ auf beeindruckende Art und Weise. In Anlehnung an den Film „Escape the fate“ stand mit dem Thema „Cyber-Mobbing“ gleich ein ganz heißes Eisen auf dem Programm. Immerhin wird den Schülern vor allem hier neben theoretischem Wissen ganz viel Praxisbezug abverlangt. In Zusammenarbeit mit den Lehrkräften der teilnehmenden Schulen entwickelte sich ein Programmablauf, der genau dieser Problematik Rechnung trug.

So standen am Samstag noch die eher von Theorie geprägten Vorträge von ausgemachten Experten im Mittelpunkt, die der WEISSE RING für die Veranstaltung gewinnen konnte. Im Anschluss daran tauschten sich die Schülerinnen und Schüler in Kleingruppen immer wieder darüber aus, wie man diese Inhalte in Form einer Unterrichtseinheit zu Prävention sinnvoll und für die eigene Zielgruppe nachhaltig bündeln kann. Am zweiten Tag folgte dann vor allem die Vorbereitung auf die schwierige Rolle der „Medienscouts“ als Ansprechpartner für die Mitschüler.

„Medienscouts sollen ihre eigene Medienkompetenz erweitern und entsprechendes Wissen, Handlungsmöglichkeiten sowie Reflexionsvermögen für einen verantwortungsvollen und selbstbestimmten Medienumgang ausbauen.“ So skizzierte Peter Bürgin die Aufgabe der Medienscouts und ermutige somit die Workshop-Teilnehmer, als „Bindeglied die Lücken im System der schulischen Medienerziehung zu schließen“. Dabei machte er den Schülerinnen und Schülern Mut, die Hilfe der entsprechenden Lehrer in Anspruch zu nehmen. „Ihr seid nicht allein und müsst in eurer Rolle auch eure Grenzen erkennen“, so Bürgin eindringlich. „In Deutschland gibt es keine Schule, die frei von Cyber-Mobbing ist“, so der Mitarbeiter des WEISSEN RING weiter.

Diese Einschätzung wurde durch Studiendirektor Pauls Endres bestätigt. Der Schulpsychologe machte in seinem Vortrag auf Formen, Besonderheiten und Auswirkungen des Cyber-Mobbings aufmerksam. „Durch das Cyber-Mobbing entsteht für das Opfer ein permanentes Bedrohungsgefühl, von dem es sich nicht einmal in den eigenen vier Wänden abschotten kann“; so Endres. Die fehlende Intervention von Außenstehenden verstärke und stabilisiere das Vorgehen der Täter zusätzlich, weshalb Endres eindringlich an die „Medienscouts“ appellierte: „Jeder von euch kann als Medienscout die wichtige Rolle des Verteidigers des Opfers einnehmen und damit gewährleisten, dass Mobbing an der Schule weder toleriert noch ignoriert wird.“

In äußerst engagierten Gesprächen untermauerten die anwesenden Schülerinnen und Schüler ihre Bereitschaft, diese Rolle einzunehmen, aber zugleich Unterstützung im Umfeld der Schule zu suchen.

Ein einfaches, aber wirksames Mittel bei der „persönlichen Präventionsarbeit“ kann das Erstellen eines sicheren Passwortes sein. Veit Schott, medienpädagogischer und informationstechnischer Berater für die Grund- und Mittelschulen im Landkreis Kronach, gab hier den Anwesenden hilfreiche Tipps, die man leicht an Schülerinnen und Schüler vermitteln kann.

Dass das Thema „Cyber-Mobbing“ zwar ein schwerwiegender aber zugleich nur ein einzelner Aspekt im Arbeitsbereich eines „Medienscouts“ ist, machte der Vortrag von Ralf Popp deutlich. Als „Medienscout“ müsse man schließlich über ein breites und fundiertes Wissen hinsichtlich zahlreicher Aspekte der neuen Medien verfügen. Der verantwortungsvolle Umgang mit dem Smartphone oder die Gefahren und Süchte, die von Computer- und Onlinespielen ausgehen, sind weitere wichtige Betätigungsfelder. Der Leiter der Bayreuther Kriminalpolizeiinspektion informierte die Anwesenden über das schwierige Feld der Persönlichkeits-, Urheber- und Identitätsrechte im „Netz der neuen Medien“, indem er auf das „File-Sharing“ in Internet-Tauschbörsen und das „Streaming“ von Videos einging. „Haltet euch bloß fern von Tauschbörsen oder Plattformen, die beispielsweise die neusten Kinofilme zum Download anbieten. Auch Jugendlichen droht hier eine zivilrechtliche Anklage, die enorme Kosten nach sich ziehen kann“, appellierte der Referent, der gleichzeitig die Unterstützung der Polizei für die „Medienscouts“ signalisierte. Immerhin könnten sich auch die „Medienscouts“ bei Fragen immer wieder an die neu eingerichtete „Cyber-Crime“-Abteilung der Polizei richten.

Die Unterstützung aller gesellschaftlichen Gruppen wurde auch bei der abschließenden Pressekonferenz deutlich. Bundestagsabgeordnete Emmi Zeulner zeigte sich beeindruckt von dem Mut der Medienscouts, den Schwachen beizustehen und für ein gutes Schulklima zu sorgen. „Prävention ist der beste Opferschutz“, so Zeulner. Auch der stellvertretende Landrat Hans Peter Marx lobte ausdrücklich den Einsatz der Medienscouts und das Engagement des WEISSEN RINGS. „Da ihr die ersten Medienscouts Bayerns seid, macht ihr zugleich deutlich, dass sich unsere Region keinesfalls verstecken muss“, so Marx.

„Lasst euch nicht von diesem wertvollen Weg abbringen“, ermutigte auch Polizeivizepräsident Werner Mikulasch die „Medienscouts“ und unterstrich deren wichtige Funktion bei der Unterstützung der Polizeiarbeit. Alfons Hrubesch dankte darüber hinaus der Justiz in Person von Amtsgerichtsdirektor Armin Wagner, der den WEISSEN RING und dessen Arbeit immer wieder bereitwillig unterstütze.

„Dieses Wochenende soll nur ein erster Schritt sein. Wir wollen die Ausbildung der „Medienscouts“ auch in Zukunft weiter vorantreiben, indem wir sukzessive weitere Workshops mit anderen thematischen Schwerpunkten anbieten, mit denen die Schüler ihr Wissen weiter ausbauen können“, stellte Alfons Hrubesch abschließend in Aussicht. Die Resonanz der vertretenen Prominenz aus Politik, Gesellschaft und Schule, aber vor allem der an dem Wochenende gezeigte Einsatz der „Medienscouts“ und der begleitenden Lehrkräfte sollte dem WEISSEN RING Motivation genug sein, diesen eingeschlagenen Weg auch tatsächlich fortzusetzen.

-mts-