Frankenwald-Gymnasium
Kronach
Fördern - Werte - Gemeinschaft

 

Am 13. August 1961 wurde die Mauer gebaut, die Deutschland letztendlich ganz spalten sollte. In den folgenden 39 Jahren gab es mindestens 5000 bekannte Fluchtversuche in die BRD. War das Leben in der Deutschen Demokratischen Republik wirklich so schlimm, dass so viele Menschen ihr Leben riskierten? Die Zeitzeugin Konstanze Helber hat diese Frage am Donnerstag, den 09.05.2019, vor den drei 10. Klassen des Frankenwald-Gymnasiums mit einem klaren „Ja“ beantwortet.

 

Konstanze Helber eröffnete ihre Erzählung mit der Frage: „Warum wollte ich die DDR verlassen?“ Sie wurde 1954 in Saale geboren. Ihre Kindheit war nicht immer einfach. Frau Helber hatte, als eine der wenigen, die Möglichkeit, zuhause Westfernsehen zu empfangen. Folglich stellte sie in der Schule immer unbequeme Fragen, weshalb sie auch nicht zum Abitur zugelassen wurde. Ihren Traum, Kinderkrankenschwester zu werden, musste sie ebenfalls aufgeben. Stattdessen wurde sie gezwungen in der Produktion zu arbeiten. Großteils verweigerte sie auch das politische Leben. In den 1960er lernte sie einen jungen Mann aus der BRD kennen. Jetzt wollte sie die DDR erst recht verlassen und versuchte mit einem umgebauten Pkw zu fliehen. Leider missglückte die Flucht, weil diese verraten wurde. Konstanze Helber wurde daraufhin zu drei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Zu diesem Zeitpunkt war sie gerade 20 Jahre alt und das Einzige, was sie wollte, war es, selbständig und frei leben zu können. Fünf Monate verbrachte sie namen-, würde- und rechtlos in der Stasi U-Haft, dann wurde sie in das Frauenzuchthaus Hoheneck in Stollberg gebracht. Dort musste sie sich mit 48 weiteren Frauen unter katastrophalen und menschenunwürdigen Verhältnissen einen `Verwahrraum` teilen. „Es gab kein warmes Wasser, die Luft war schlecht, das Essen miserabel, überfüllte Verwahrrungsräume und nicht mal einen Arzt“, zählt Frau Helber auf. Sie musste acht Stunden für erzieherische Mittel arbeiten mit einer nur zehnminütigen Pause. Unter den Gefängnisinsassinnen wurden diese erzieherischen Mittel Zwangsarbeit genannt. Und genau das waren sie auch. Konstanze Helber musste zum Beispiel Bettwäsche herstellen, die dann an Firmen im Westen verkauft wurde. „Die Unternehmen wussten ganz genau, woher die Produkte kamen und akzeptierten es einfach.“ Für einen Bettbezug erhielt sie lediglich einen Pfennig. Laut Frau Helber waren die Bettbezüge „Ausschussware“, denn die Anleitung zum Nähen von Bettwäsche war schlecht, die Maschinen waren oft defekt, es gab viel Staub, der Lärm war unerträglich und es gab keinerlei Schutz für die Näherinnen. Wenn man aber sein Pensum aus irgendwelchen Gründen nicht einhalten konnte oder die Arbeit verweigerte, dann wurde man in die dunklen und kalten Arrestzellen im Keller gesperrt. Nach 22 Monaten wurde sie endlich aus dem Zuchthaus in die BRD freigekauft. „Als ich in der BRD ankam, war alles so toll, das Essen, der Urlaub und es war nicht mehr so grau, alles war farbenfroher und dann stand da auch noch mein Freund, der all die Jahre auf mich gewartet hatte. Ich habe mich wohlgefühlt mit dem neuen Freiheitsgefühl und ich wusste jetzt wird alles gut.“ 1979 reiste Konstanze Helber nach Rottenburg. Dort konnte sie sich endlich ihren Traum erfüllen und die Arbeit als Kinderkrankenschwester aufnehmen. Später wurde sie Assistentin im alltäglichen Leben für Menschen mit Behinderung. Sie wurde 2009 Mitglied im Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen und engagiert sich für Vergangenheitsbewältigung und die Errichtung einer Gedenkstätte im Zuchthaus Hoheneck: „Denn die Wärter waren Verbrecher und was damals in Hoheneck geschehen ist, waren Verbrechen an der Menschlichkeit.“

 

Konstanze Helber zeigte außerdem einen Kurzfilm, der ihre aufgezeigten Schrecken in der Zeit der DDR noch einmal verdeutlichte. Die Schüler stellten sehr interessante und gute Fragen, die Frau Helber detailreich beantwortete. Die Zeitzeugin schloss ihren Vortrag mit den Worten: „Das Leben ist, wie es ist, aber die Freiheit, meine Geschichte zu erzählen, verschafft mir Besserung, denn das Schweigen ist gebrochen.“

 

 

                                                                                                                                  Victoria R. (10c)