Frankenwald-Gymnasium
Kronach
Fördern - Werte - Gemeinschaft

Wir stehen auf einem großen Platz. Vor uns türmt sich ein langes Gebäude auf, dessen Spitze wie ein Wachtturm aussieht. Direkt darunter befindet sich ein großes Stahlgittertor. Weiß angestrichen, mit einem dunkelroten Schriftzug: „Jedem das Seine“. Zusammen mit anderen FWG-Neuntklässlern befinde ich mich auf dem Appellplatz des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar in Thüringen.

 

 

Im Rahmen des Geschichtsunterrichts besuchten am 2. Mai 2019 drei neunte Klassen die Gedenkstätte Buchenwald und wurden somit mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte konfrontiert. Das Konzentrationslager Buchenwald wurde von den Nationalsozialisten von 1937 bis zur Befreiung 1945 durch amerikanische Streitkräfte als Arbeitslager betrieben. Zwischenzeitlich waren mehr als 266.000 Häftlinge auf dem Gelände untergebracht, über 56.000 von ihnen haben die Qualen der sogenannten Schutzstaffel, besser bekannt als SS, nicht überlebt.

 

Im Geschichtsunterricht ist häufig von den Opfern des Nationalsozialismus die Rede. Was dabei nicht deutlich genug wird: Jedes dieser Opfer ist ein individueller Mensch mit einer eigenen Geschichte. Genau solche Einzelfälle werden in der Dauerausstellung „Buchenwald. Ausgrenzung und Gewalt 1937 bis 1945“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. „Die Ausstellung personalisiert Geschichte, sie gibt Opfern ein Gesicht“, lobte Oberstudienrat Heiko Gernlein die Ausstellung. „Und das vermag auf den Besucher zu wirken“, fügte er hinzu.

Untergebracht in der ehemaligen Häftlingseffektenkammer, jenem Ort, an dem die Inhaftierten damals ihre Wertgegenstände und Habseligkeiten haben abgeben müssen, erzählt die Ausstellung beeindruckend detailliert über die grausame Geschichte des Konzentrationslagers.

 

So diente die Effektenkammer, welche zugleich das größte Gebäude im Lager war, damals nicht nur dem einfachen Ablegen von Wertgegenständen, damit die SS diese gegen Geld weiterverkaufen konnte, vielmehr wurde den Häftlingen dort ihre Individualität geraubt. Durch die Abgabe von allen persönlichen Dingen einschließlich ihrer Kleidung waren sie zumindest äußerlich scheinbar identisch mit den anderen Inhaftierten. Darüber hinaus durften sie nicht einmal ihren Namen behalten, jeder von ihnen bekam eine Nummer zugewiesen. In den Augen der Nationalsozialisten waren sie dann nur diese eine, eigentlich unbedeutende Nummer. Die Inhaftierten in den Konzentrationslagern, das waren in ihren Augen keine Menschen, und sie waren auch ausschließlich selbst dafür verantwortlich, dass sie von der SS festgehalten wurden. Um das jedem Häftling immer bewusst zu machen, ließ man auch den Schriftzug „Jedem das Seine“ am Tor zum Lager anbringen. Diese Denkart schockiert, ist gefährlich und natürlich vollkommen falsch – wie die gesamte NS-Ideologie: Es gibt auch keine verschiedenen „Menschenrassen“ und schon gar nicht welche, die anderen überlegen sind. Jeder Mensch ist gleich viel wert.

 

Die Ausstellung zeigt auch die Willkür, mit welcher Polizei, Geheimdienst und SS agierten. Der Rechtsstaat war längst abgeschafft, die Demokratie entmachtet. Die Einweisung in ein Konzentrationslager hing nicht selten von der Laune des zuständigen Beamten ab. So wurden auch Kleinkinder nach Buchenwald deportiert, mit der Begründung, sie seien politische Gegner. Der jüngste Inhaftierte war gerade mal zwei Jahre alt.

 

Nicht verschwiegen werden auch die teils lächerlichen Strafen für ehemalige SS-Angehörige. Viele von ihnen wurden nach Kriegsende trotz schwerster Verbrechen freigesprochen oder mussten nur für relativ kurze Zeit in Haft. Martin Sommer, einer der grausamsten Bunkerwärter im KZ, etwa, der nachweislich dutzende unschuldige Menschen gefoltert und ermordet hat, verbrachte nur wenige Jahre in bundesdeutschen Gefängnissen, bevor er in ein Seniorenheim entlassen wurde.

 

Im letzten Teil der Ausstellung geht es um die Befreiung des Lagers durch die amerikanischen Streitkräfte. Im Vorfeld der Befreiung wurden jedoch noch Tausende Häftlinge auf Todesmärschen in andere Lager gebracht, dabei sollen mindestens 13.000 Menschen umgekommen sein.

Nach Bekanntwerden der baldigen Ankunft amerikanischer Truppen floh die SS und der sogenannte Häftlingswiderstand, womit rebellierende Häftlinge des Konzentrationslagers gemeint sind, übernahm die Kontrolle des Lagers und verkündete dessen Befreiung.

 

Nach einer kurzen Mittagspause fanden sich die Schülerinnen und Schüler in einem zu einem Kinosaal umgebauten Gebäude wieder. In dem Einführungsfilm von ca. 30 Minuten Länge wird die Geschichte Buchenwalds von mehreren Augenzeugen wiedergegeben. Eindrucksvoll schildern sie die Brutalität des Alltags im Konzentrationslager. Tod und Leid war damals allgegenwärtig.

 

Im Anschluss an den Film bekamen die Schülerinnen und Schüler in ihren Klassenverbänden eine Führung über das Lagergelände. Als Erstes ging es vorbei an den noch stehenden, ehemaligen Kasernen der SS. Die meisten von ihnen sind denkmalgeschützt und gehören zur heutigen Gedenkstätte. In zwei der ehemaligen Mannschaftsunterkünften befinden sich heute Wohnungen. Leben auf dem Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers. Eine zugegeben sehr merkwürdige Vorstellung, die die Schülerinnen und Schüler ziemlich fassungslos machte. „Wer hat das denn genehmigt?“, will einer von ihnen wissen. Auch der Mitarbeiter des Besucherservices hat darauf keine Antwort.

 

Die zweite Station ist eine durch Bombenangriffe der Alliierten zerstörte Kaserne, von der nur noch der Keller erhalten geblieben ist. Auf der Informationstafel ist ein ordentlich und strukturiert wirkendes Bild der Kasernen zu sehen. „Die SS hat mit geschönten Bildern gezielt die Lage verharmlost. Die wahre Brutalität wurde erst auf Fotos der Amerikaner deutlich“, erklärt der Mitarbeiter der Gedenkstätte.

 

Trotzdem hätte man vom Konzentrationslager Buchenwald und der dort ausgeübten Gewalt etwas mitbekommen müssen. Vom ehemaligen Steinbruch aus, in dem die Häftlinge von SS-Männern mit harter körperlicher Arbeit gequält wurden, blicken wir ins Tal. „Wenn wir die dort unten sehen, dann können die uns auch sehen“, sagt der Mitarbeiter weiter. Gerade nachts sei das Flutlicht der Scheinwerfer kilometerweit sichtbar, der Gestank des Krematoriums allgegenwärtig gewesen. In der Anfangszeit des Konzentrationslagers wurden die Häftlinge zudem per Zug nach Weimar gebracht, um sie anschließend unter den Augen der Weimarer auf den Ettersberg zu treiben. Somit kann niemand behaupten, er hätte von Buchenwald keine Ahnung gehabt. Geleugnet wurde natürlich trotzdem.

 

Die vorletzte Station der Führung war „der Bunker“ - ein Gefängnis inmitten eines Gefängnisses. Tatsächlich hatte die SS in diesen Einzelzellen willkürlich Häftlinge eingesperrt, gefoltert und ermordet.  Schätzungsweise haben weniger als 20% diese besonders grausame Form der Haft überlebt. Auch sonst sind die vielen Toten nicht immer auf Krankheiten wie Tuberkulose zurückzuführen, die zwar ebenfalls eine der Haupttodesursachen war, aber eben nicht die alleinige. Viele Inhaftierte sind einfach verhungert oder verdurstet. Die SS erschoss zudem willkürlich Häftlinge oder überlegte sich schon für kleine Vergehen härteste Strafen wie z. B. das Baumhängen.

 

Im Mittelpunkt des letzten Teils der Führung stand das Krematorium, welches nachträglich auf dem Gelände errichtet wurde. Wie die Schülerinnen und Schüler erklärt bekamen, kann dieses „Krematorium“ gar nicht als solches bezeichnet werden, da die Leichen im offenen Feuer verbrannt wurden. Vielmehr sei es nur eine Verbrennungsanlage gewesen, so der Mitarbeiter der Gedenkstätte. Eine Etage tiefer befindet sich ein Folterkeller, in dem ca. 1.000 Menschen stranguliert wurden. Abschließend besichtigten wir einen Nachbau der Genickschussanlage, mit der die SS über 8.000 sowjetische Kriegsgefangene widerrechtlich tötete.

 

Auf dem Rückweg zum Bus machte die Gruppe noch an einer Gedenktafel mit den Namen der Nationen, die Staatsangehörige im KZ Buchenwald verloren hatten, halt. Die Edelstahlplatte ist durch eine Heizung auf 37° Celsius gehalten, der Körpertemperatur eines Menschen, um zu zeigen, dass jedes Opfer ein einzigartiger Mensch war, anders als die Ideologie der Nationalsozialisten  behauptete.

 

Buchenwald, das ist ein Ort der dunkelsten deutschen Geschichte. Auch wenn der Besuch sicherlich niemanden Freude gemacht haben dürfte, ist er sehr wichtig. Er verdeutlicht den Schülerinnen und Schülern die Verbrechen der Nationalsozialisten besser als jede Unterrichtsstunde und verhindert, dass die Gräueltaten der SS vergessen werden.

Es liegt an den zukünftigen Generationen, extremistischen und verfassungsfeindlichen Strömungen, egal am rechten oder linken Rand des politischen Spektrums, ganz klar entgegenzutreten und die Werte unserer Demokratie zu verteidigen, damit ein solcher Massenmord nie wieder möglich wird.

 

 

Text und Fotos: Julian Baumgärtner, 9a